Mit leichter Hand
Ulrike Dornis inszeniert eine 
Choreographie der Bewegungen, 
die grazil und bodenständig 
zugleich erscheint

Ältere (westdeutsche) Semester dürften sich an den TV-Klassiker »Was bin ich?« erinnern. Dieses »heitere Beruferaten«, moderiert von Robert Lembke, lief von 1961 bis 1989 im Ersten Deutschen Fernsehen. Jede Quizrunde begann damit, dass der Kandidat (der später auf Fragen der Rate-Experten ausschließlich mit »Ja« oder »Nein« antworten durfte) aufgefordert wurde, eine für seinen Beruf typische Handbewegung zu machen. Der Clou dabei: Diese Bewegung musste einerseits spezifisch genug sein, um mit einem bestimmten Arbeitsgebiet in Verbindung gebracht zu werden; andererseits durfte sie aber auch nicht allzu verräterisch ausfallen, denn dann hätte das Quiz 
seine Spannung verloren.

In einer jüngst entstandenen Bilderserie von Ulrike Dornis erfährt die »Was bin ich?«-Pantomimik ein Comeback im Genre der Malerei. »Fleißige Frauen«, so lautet der Titel dieser Gruppe. Die verhältnismäßig kleinformatigen Bilder zeigen junge weibliche Gestalten, die ebenfalls eine typische Handbewegung machen, ohne dass der Betrachter auf Anhieb erkennt, um welche Tätigkeit es geht. Zumindest gilt das für die meisten dieser vor dem Modell entstandenen Studien. Der Grund: Die Objekte, die da ursprünglich gebunden, gehalten, gelenkt oder gewrungen wurden, hat Dornis aus der Darstellung sorgsam ausgespart. Die Hände greifen gleichsam ins Leere. Was kein Drama wäre. Denn dieses Vakuum könnte mehr oder weniger mühelos gefüllt werden durch Assoziationen, die mit simplen handwerklichen Verrichtungen verknüpft sind. Das Besondere dieser Bilder besteht jedoch darin, dass sich die ursprünglich zielgerichteten Gesten von ihrem Zweck gelöst haben, dass die Künstlerin mit scheinbar leichter Hand eine Choreographie der Handbewegungen inszeniert, die grazil und bodenständig zugleich erscheint.

In sich gekehrt

Die »Fleißigen Frauen«, die Ulrike Dornis vor einem sparsam bestückten oder gar blanken Hintergrund agieren lässt, suchen nicht den Dialog mit dem Betrachter. Ihre Augen sind abgewandt. Sie ruhen in sich selbst, sie sind in ihr Tun mit einer stillen, fast andächtigen Konzentration vertieft, die an Jan Vermeers in sich gekehrte Frauendarstellungen denken lässt, etwa an seine »Dienstmagd mit Milchkrug« oder die »Briefleserin am offenen Fenster«. Anders als bei Vermeer haben wir es hier aber nicht mit ziselierter Feinmalerei zu tun. Ganz im Gegenteil:
Mit spontanem, skizzenhaftem Pinselstrich sind diese modernen ‘Mägde’ wiedergegeben. Das gibt ihnen trotz ihres meist eher introvertierten Charakters eine gewisse Dynamik.
Übernimmt die Sprache der Hände in der Serie der »Fleißigen Frauen« einen wichtigen Teil der bildnerischen Kommunikation, so gilt das erst recht für die Installation »Arrest«, bestehend aus einem Hauptbild, einem Mittelformat und fünf kleineren Leinwänden. Hier hat Dornis in der Tat den Händen auf die Hände gesehen. Im Spannungsfeld von Figur und Ornament – seit je ein zentraler Bestandteil ihrer Malerei, in der die Arabeske eine Vielzahl von schillernden Variationen erfährt – entfaltet sich eine Szenerie, die inhaltlich nicht ohne weiteres zu entschlüsseln ist, die aber allemal hochdramatisch anmutet. Ein grün-gelbes, reich gemustertes Tuch dient als Draperie für ein ganzes Repertoire von Gesten: Mal sind die Hände zum deklamatorischen Gruß erhoben oder heben etwas empor; dann umfassen sie eine Lanze oder einen Schwertgriff, stützen den Körper ab oder ziehen das Stofftuch wie einen Vorhang zurück.

Kammerspiel mit Helden

Freie Hand beweist die Künstlerin auch bei ihren »Heldensagen« – in dieser Serie kombiniert Dornis biblische Gestalten wie David, Isaak oder Samson mit dem germanischen Drachentöter Siegfried und symbolischen Anspielungen auf Heroisches (»Hand«, »Harnisch«, »Macht«). Kennzeichnend auch hier, dass die ‘Haupt- und Staatsaktionen’ dieser historischen Stoffe sich in zurückhaltenden Gesten wie in einem Brennglas verdichten. Beispielsweise im Bild »Samson«, das nicht den (beinahe) unbesiegbaren Helden zeigt, sondern Delilas Hände mit einer abgeschnittenen Locke – der Berserker ist nur verwundbar, wenn er seiner Haarpracht beraubt wird. »In Anlehnung an archaische Themen und Vorbilder der Malerei umkreisen meine Bilder und Gedanken derzeit Krieg und Heldentum, Familie und Verrat, Religion und Opfer«, erläutert die Künstlerin. Sie betont, dass es die »kultischen Handlungen« sind, die ihr besonderes Interesse erwecken. Verbindet man solche Themen dank der traditionellen Historienmalerei mit der großen Bühne, mit Aufsehen erregenden Effekten und vielfigurigen Konstellationen, so begegnet einem in den »Heldensagen« von Ulrike Dornis das genaue Gegenteil: Es handelt sich um ein Kammerspiel, bei dem sich ins Detail vertiefen muss, wer eine Idee vom Ganzen erhaschen will.

Ich ist ein anderer

Der lakonische Zug, der diesen zeitgenössischen Historienbildern eignet, kehrt wieder in den Porträts, die im Schaffen der Künstlerin einen immer größeren Stellenwert behaupten. Auch hier gelingt es ihr, einem populären Darstellungstypus der Kunstgeschichte frisches Leben einzuhauchen: Das Doppelbildnis, das zwei eng verbundene Persönlichkeiten zeigt, meist Ehepaare oder Freunde, kehrt bei ihr als Zweiphasen-bild, als dupliziertes Soloporträt wieder. »Sonja« und »Agustin« sind in verschiedenen Perspektiven vor Augen geführt, teils sich überschneidend. »Ich ist ein anderer«, lautet die berühmte Formel Arthur Rimbauds, mit der er seine Sehnsucht nach kompletter Entgrenzung zum Ausdruck brachte. In den Porträts von Ulrike Dornis ereignet sich, paradox, das Gegenteil: Die Dargestellten treten aus ihrem singulären Dasein heraus und sind doch ganz bei sich.
Jörg Restorff

Ulrike Dornis
Arabeske

Ein Hauch von Orient durchweht die Gemäldeserie Arabeske von Ulrike Dornis – und das nicht zufällig. Impulsgeber der Malerei ist eine 1993 in Kairo erworbene Textilie. Ein rotgrundiges, satinartiges Tuch mit floraler Ornamentik und jenen zahllos verschlungenen Arabesken, die den Titel der Serie motivierten. Die Malerin verbrachte im Rahmen eines DAAD-Stipendiums zwei Jahre in der Nilmetropole, die in vielerlei Hinsicht inspirierend wirkten. Nun, Jahre später, ist es nur mehr der optische Reiz, die glänzende Oberflächentextur des Stoffes, der zu immer neuen malerischen Varianten und Studien reizt. Gleichwohl sind Assoziationen an morgenländische Kulturen und Traditionen in den Arbeiten konserviert, die uns bunt, schillernd und vielgestaltig erscheinen.

War das Tuch zu Beginn der Beschäftigung eher Sujet eines „klassischen“ Stilllebens, wird die Ornamentik später immer raumgreifender, füllt das gesamte Bildfeld, sprengt den Rahmen. Häufig sind es geradezu abstrakt wirkende Bilder, die entstehen, obgleich sie sich weiterhin getreu am stofflichen Vorbild orientieren. Verschiedenste Raumsituationen werden erprobt. Untergelegte Bücher, Tischkanten, Sofaecken geben dem Stoff eine räumliche Struktur vor, die sich im unterschiedlich brechenden Licht und durch Schattenbildungen farblich auswirken und immer wieder überraschende Wirkungen zeigen. Dabei sind die Bildausschnitte häufig so gewählt, dass das Arrangement erst entschlüsselt werden muss.

Ulrike Dornis erforscht und dokumentiert die Licht- und Farbwirkungen eines im Grunde wenig luxuriösen Stoffes. Ihr geht es nicht so sehr um eine Darstellung des Realen – vielmehr bietet das Motiv die Möglichkeit, unterschiedliche Farbkombinationen einander gegenüber zu stellen und variantenreiche Eindrücke zu schaffen. Bedeutsam ist hier der serielle Ansatz; die Darstellung des gleichen Motivs und der häufig gleichen Komposition in immer wieder neuen und überraschenden Farbvarianten. Manche Gemälde erinnern losgelöst vom Bildgegenstand an die Vogelschau einer nächtlich beleuchteten Stadt, andere verlieren sich im abstrakten oder beinahe monochromen Schwelgen des Stoffrapports und dessen Farbigkeit.

Der künstlerische Ansatz scheint mit Claude Monets bekannter 33teiliger Bildserie der „Kathedrale von Rouen“ (1892 bis 94 entstanden) konform zu gehen. Der Französische Maler hatte die verschiedenen Lichteinfälle und die tageszeitlichen Veränderungen an der Fassade des gotischen Gebäudes in impressionistischer Art und Weise dokumentiert und ausgelotet. Fast durchgängig hatte er den einen Standpunkt beibehalten und den gleichen Bildausschnitt gewählt.

Ähnlich wie beim Impressionismus ist die Wirkung auch der Gemälde von Ulrike Dornis auf Distanz angelegt. Von weitem gesehen dominiert ein staunenerregender Realismus. Bei näherer Betrachtung löst sich das Bild rasch in einzelne Pinselspuren auf. Der glänzende Stoff zerfällt in separate geradezu flüchtige Striche, erweist sich als malerische Illusion par excellence. Die Erfahrung des Orients und das eigentliche Motiv treten in den Hintergrund und ermöglichen eine freie und ungebundene Auslotung künstlerischer Mittel.
Dr. Martin Steffens

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